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Lupus alpha

25.03.2025

Wie wir eine Gesellschaft überzeugter Aktionäre werden. Einige Handlungsempfehlungen.

Die neue Ausgabe der Lupus alpha Kolumne leitwolfs view

Es gibt sie zunehmend mehr: junge Aktienanlegerinnen und Aktienanleger mit Freude am Investieren und am intensiven Austausch über aktuelle Börsenthemen. Doch sind es immer noch viel zu wenige, die Aktien halten und denen Kapitalmarkterträge zugutekommen. Wir brauchen mehr davon, jung wie alt. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, die Weichen für eine dauerhafte Aktienkultur in Deutschland zu stellen.

Björn Glück, Partner und Portfolio Manager Small & Mid Caps Europa

Neulich saß ich in der Bahn und kam nicht umhin, das Gespräch zweier junger Studenten vor mir mitzuhören. Es ging um ASML, Nvidia, Novo Nordisk, die USA-Lastigkeit des MSCI World und gratis Sparpläne – alles Themen, mit denen ich eigentlich nur im Büro zu tun habe. Ich war angenehm überrascht! Tatsächlich konnte ich solche Gespräche in letzter Zeit öfter verfolgen, nicht nur in der Bahn, sondern auch im Freundes- und Familienkreis. Und ja: Es ist nicht nur ein gefühltes „Mehr“. Laut Deutschem Aktieninstitut DAI ist die Zahl junger Aktionäre, also Anleger bis 39 Jahre, im vergangenen Jahr gestiegen – und zwar um 150.000 auf jetzt 3,7 Millionen. Außerdem interessant: Jeder zweite ETF-Sparer ist 39 Jahre oder jünger.

Offenbar wächst da eine neue Generation von Aktienanlegern heran, die Freude an der Börse hat und sich auch gerne darüber austauscht – sei es persönlich oder in den Social Media Kanälen. Traditionelle Sparkonten kennen sie kaum, Anleihen sind ihnen zu langweilig. Viel lieber Aktien! In Form von ETFs oder aktiv gemanagten Fonds, für die „Fortgeschrittenen“ auch mal als Direktinvestment. Bei vielen jungen Leuten ist es offenbar angekommen, dass es mit ihrer gesetzlichen Rente schlecht aussehen dürfte und sie sich selbst um den Vermögensaufbau kümmern müssen. Die Schaubilder über das Pro-Kopf-Vermögen in Europa, auf denen Deutschland – wegen des vergleichsweise niedrigen Immobilien- und Aktienbesitzes – immer ziemlich weit hinten steht, untermauern das zusätzlich.

Fast 83 Prozent der Menschen in Deutschland haben eine Aktienquote von Null

Das "Mehr" an jungen Aktionären ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist: Wie das DAI ebenfalls meldet, ist die Zahl der Aktionäre insgesamt 2024 wieder leicht gesunken, und zwar auf 12,1 Millionen. 2023 waren es 12,3 Millionen und 2022 sogar noch 12,9 Millionen. Damit halten nur 17,2 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren überhaupt Aktien, sei es in ETFs und Fonds oder in Einzelwerten – fast 83 Prozent besitzen also keine Aktien. Sie haben nichts davon gehabt, dass sich zum Beispiel der DAX in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt und in den vergangenen zwanzig sogar fast verfünffacht hat.

Anderenorts gelingt die Teilhabe an Aktienmarkterträgen viel besser. In den USA sind Aktien für fast jeden Standard. Schweden setzt bereits seit dem Jahr 2000 für seine staatliche Altersvorsorge auf eine clevere Kombination von umlage- und aktienbasierter Vorsorge. Dafür zahlen schwedische Arbeitnehmer 16 Prozent ihres Bruttogehalts in die umlagefinanzierte Rente ein. Weitere 2,5 Prozent fließen in kapitalmarktbasierte Produkte – automatisch und verpflichtend. Der norwegische Pensionsfonds ist noch konsequenter: Der aus Öl- und Gaseinnahmen gespeiste größte Pensionsfonds der Welt hat sein Vermögen im 1. Halbjahr 2024 zu mehr als 70 Prozent (!) in Aktien angelegt. Zwischen Januar 1998 und Mitte 2024 lag seine jährliche Rendite bei 6,3 Prozent.

Höchste Zeit für politische Impulse

In Deutschland gilt die Börse vielen hingegen immer noch als "Casino", als Spielplatz für Zocker. Die zunehmende Volatilität an den Aktienmärkten fördert diesen Eindruck oft noch. Der noch von der alten Regierung konzipierte, durchaus überzeugende Reformvorschlag zur Aktienrente verstaubt dank Ampel-Aus nun in den Schubladen. Inwiefern dieser auf der Prioritätenliste der neuen Regierung stehen wird, bleibt abzuwarten. „Die stagnierenden Aktionärszahlen belegen das Scheitern des Gesetzgebers in Deutschland in den letzten Jahrzehnten und zeigen, dass es höchste Zeit ist für politische Impulse“, kommentiert Henriette Peucker, Geschäftsführende Vorständin des DAI, die aktuellen Zahlen. Das sehe ich auch so: Wir brauchen endlich mehr Aktionäre in Deutschland, und zwar dauerhaft!

Drei wirksame Maßnahmen:

  1. Altersvorsorgedepot einführen. Statt neuer Belastung des Aktiensparens mit Sozialbeiträgen oder einer Finanztransaktionssteuer brauchen wir dringend ein staatlich gefördertes Aktieninvestment. Darüber besteht in der voraussichtlich schwarz-roten Regierung auch grundsätzlich Einigkeit. Und es ginge auch ganz einfach: Den Reformvorschlag der Ex-Ampel zum privaten Altersvorsorgedepot aus der Schublade holen und schnellstmöglich umsetzen. Auf diese Weise kann ein Höchstbetrag von 3.000 Euro pro Jahr steuerfrei in Aktienfonds und ETFs, nach letztem Stand sogar in Einzelaktien, investiert werden. Der Staat gibt für jeden selbst eingezahlten Euro 20 Cent dazu. Geringverdiener, junge Menschen und Familien erhalten zusätzliche Boni obendrauf. Das Wichtigste aber dabei: Verpflichtende Garantien werden abgeschafft. Damit ist in der Kapitalanlage für die Altersvorsorge endlich mehr Risiko - und mehr Rendite - möglich. Das wäre ein großer Schritt nach vorn!
     
  2. Für bessere Finanzbildung sorgen. Schon Schülerinnen und Schüler sollten mit dem Thema Geldanlage und Altersvorsorge vertraut gemacht werden, durch ein verpflichtendes Fach in unseren Schulen, und zwar verständlich und fundiert. Das heißt auch: stark machen gegen falsche Versprechen, etwa von "Finfluencern", die zwar aufklären, aber nicht selten einseitige Interessen verfolgen. Auch die Finanzbildung der Erwachsenen ist ausbaufähig. Hier gilt es ebenfalls zu informieren, etwa darüber, dass es am Aktienmarkt um die Teilhabe an Unternehmen geht, die sich besonders gut für den langfristigen Vermögensaufbau eignet. Auch so manche Erkenntnis der Profis müsste noch bekannter werden: etwa, dass es einen kühlen Kopf bei der Anlage zu bewahren gilt, wenn andere gierig oder panisch werden, oder dass Timing meist nicht funktioniert.
     
  3. Börsennotierte Unternehmen entlasten. 2007 gab es 761 börsennotierte Unternehmen in Deutschland, heute sind es nur noch gut 400 – ein Rückgang um über 40 Prozent. Ein Grund für diesen – weltweiten – Trend ist der Aufstieg von Private Equity. Anders als an der Börse profitieren vom Unternehmenserfolg dann aber vornehmlich institutionelle und vermögende Privatanleger und nicht die breite Anlegeröffentlichkeit. Ein anderer Grund sind die wachsenden Anforderungen an börsennotierte Unternehmen. Es müssen heute einfach zu viele Berichtspflichten, u.a. in Sachen Nachhaltigkeit, erfüllt werden, die vor allem kleine und mittlere Unternehmen an der Börse überfordern. Die Jahresberichte sind heute oft doppelt so umfangreich wie vor zehn Jahren. Hier ist dringend ein Bürokratieabbau erforderlich, um ein weiteres Delisting zu vermeiden.

Eigentlich ist jetzt der perfekte Zeitpunkt, die Weichen zu stellen: für eine aktienfreundliche Gesellschaft und die Teilhabe von viel mehr Menschen an Aktienmarkterträgen. Und für Anleger, ihre finanzielle Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Den jungen Leuten vor mir in der Bahn werde ich also beim nächsten Mal sagen: Super, dass Ihr am Aktienmarkt dabei seid! Erzählt es weiter, langfristig werdet Ihr auf jeden Fall davon profitieren.

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Welche Handlungsempfehlungen haben Sie für eine dauerhafte Aktienkultur in Deutschland?

Ich freue mich über Ihre Anregungen unter leitwolfsview@lupusalpha.de

Weitere Informationen
Allgemeine Fragen oder Anregungen:
Annett Haubold
PR-Managerin, Communications
+49 69 / 36 50 58 - 7403
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Pia Kater
Pressesprecherin, Communications
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